Am 26. und 27. Februar 2026 luden Chefdirigent Stanislav Kochanovsky und die NDR Radiophilharmonie Pierre-Laurent Aimard zum Schumann-Tschaikowsky-Festival auf die Bühne des NDR Konzerthauses in Hannover ein.
Es dürfte kaum einen Pianisten geben, der sich ein größeres Repertoire erarbeitet hat als Pierre-Laurent Aimard in seiner bereits viele Jahrzehnte andauernden Karriere. Dabei macht – anders als oft behauptet wird – „zeitgenössische“, „moderne“ oder „neue“ Musik sicher einen großen, jedoch bei weitem nicht den ausschließlichen Teil des Repertoires Aimards aus.
Ganz fein herausgeputzt: der Op. 353018 (vorne im Bild) strahlt innen wie außen mit den Orchesterinstrumenten um die Wette
In der Tat sehr selten in seiner Karriere dagegen spielte der "Pianist der Superlative“ wie der NDR Pierre-Laurent Aimard in seiner Konzert-Ankündigung nennt, Schumanns Klavierkonzert a-Moll, und wahrscheinlich noch viel seltener das Konzert-Allegro mit Introduktion für Klavier und Orchester d-Moll op. 134.
Für Musik, die so elementar auf einen orchestralen, obertonreichen, singenden und vor allem tragenden Klang als kompositorisches Mittel für die Verbindung von Klavier und Orchester angewiesen ist, hat es bislang am entsprechenden Instrument gefehlt. Und ohne passendes Instrument machte die Aufführung dieses Klavierkonzertes für Pierre-Laurent Aimard viele Jahrzehnte lang keinen Sinn.
Ohne singendes Instrument machte die Aufführung von Robert Schumanns Klavierkonzert für Pierre-Laurent Aimard viele Jahrzehnte lang keinen Sinn
Um so wichtiger war es für den Pianisten, den Veranstalter um den piano duo Op. 353018 zu bitten, den Pierre-Laurent Aimard von vielen Konzerten und besonders von den Aufnahmen von Kurtágs „Játékok“ und Schuberts „Ländler“ bereits sehr gut kannte.
Premiere in seinem neuen, zweiten Leben: ...
...Op. 353018 mit der NDR Radiophilharmonie im NDR Konzerthaus Hannover
Und auch für den Op. 353018 war es eine Premiere in seinem neuen, zweiten Leben:
Konzertflügel werden im Allgemeinen kaum länger als 10-15 Jahre im Zusammenspiel mit einem Großen Orchester eingesetzt. Einerseits unterliegen die Instrumente einer natürlichen Alterung, die mit einem Spannungverlust im Resonanzboden einhergeht. Volle, strahlende, tragende Töne, die eine große Lautstarke abbilden können und gleichzeitig auch in leisen Passagen über dem Orchester stehen, sind dann kaum noch möglich.
Volle, strahlende, tragende Töne, die eine große Lautstarke abbilden können ...
... und gleichzeitig auch in leisen Passagen über dem Orchester stehen:
... der 70jährige Op. 353018 meistert diese Aufgabe mit Bravour
Andererseits werden nach einigen Jahren Verschleißteile ausgetauscht, und leider ist es an der Tagesordnung, dass damit das Schicksal eines vormals so prächtigen Flügels endgültig besiegelt ist. Falsche, unsachgemäße Reparaturen, ein falsches Verständnis der Bedürfnisse von Flügeln einerseits und von KünstlerInnen andererseits, sowie eine unzureichende Kenntnis der physikalischen Prinzipien führen in den häufigsten Fällen zum vorzeitigen Ausscheiden von Konzertflügeln aus dem Konzertbetrieb. Der alte Flügel wird ausgemustert, ein neues Instrument muss angeschafft werden.
Spielte mutmaßlich in den frühen 1970er Jahren sein letztes Klavierkonzert: „Op. 353018"
"Op. 353018", der am 24. September 1956 seine Reise von Hamburg nach Prag antrat, um fortan im Rudolfinum zu erklingen, spielte demnach mutmaßlich in den frühen 1970er Jahren sein letztes Klavierkonzert. Danach trat „Op. 353018" wohl die übliche Reise eines von der großen Bühne ausgemusterten Flügels an: zunächst stand er noch im kleinen Saal, dann im Künstlerzimmer, bevor er vom Proberaum weiter in einen Lagerraum entsorgt wurde. Irgendwann später erfolgte der Verkauf.
Dass der "Op. 3535018“ im Februar 2026, über ein halbes Jahrhundert nach seinem letzten Konzert mit Orchester, mit der NDR Radiophilharmonie unter der Leitung von Stanislav Kochanovsky und mit Pierre-Laurent Aimard gleich zwei Konzerte im ausverkauften NDR Konzerthaus spielte und dabei Musiker wie Publikum in seinen Bann zog ist – frei nach György Kurtág – ein Wunder!
Eine unglaubliche Geschichte: Die NDR Radiophilharmonie unter Stanislav Kochanovsky mit Pierre-Laurent Aimard am „Op. 353018"
Und dass das zweite Konzert noch dazu am 27. Februar live übertragen wurde und heute weltweit online nachgehört werden kann, macht diese unglaubliche Geschichte nur noch wunder-schöner!
Hören Sie ausführliche Erklärungen von Chefdirigent Stanislav Kochanovsky und Pierre-Laurent Aimard sowie das ganze Konzert mit piano duo Op. 353018 hier.